Samstag, 29. Februar 2020

Hanau - ein Versuch zu atmen

Eigentlich sind Worte meine Werkzeuge, bin ich selten um selbige verlegen. Eigentlich ist das Schreiben mein Beruf, meine Berufung, Schreiben ist für mich wie Atmen, habe ich einmal gesagt, aber jetzt stockt mir der Atem schon seit zehn Tagen und die Worte wollen nicht fließen, meine Gedanken lassen sich nicht greifen, weil das, was passiert ist, so ungeheuerlich, so unbegreifbar ist, dass ich mühsam nach Luft ringe, nach Worten suche und Angst habe, jedes Wort könnte das falsche sein. 
Schon in der Grundschule lernen unsere Kinder, dass die Hanauer Neustadt, wie sie heute noch heißt, vor über 400 Jahren von Religionsflüchtlingen aus Frankreich und den Spanischen Niederlanden aufgebaut wurde, nachdem ihnen hierfür von Phillip Ludwig II. - übrigens gegen den Willen der Kirche - der Weg geebnet worden ist. Die damaligen Flüchtlinge brachten Hutmacher, Tuchmacher, Gold- und Silberschmiede und Künstler nach Hanau und seit dieser Zeit ist Hanau bunt, vielfältig und trotz seiner fast völligen Zerstörung im Jahr 1945 eine Stadt, die voller Leben ist. Und immer, zumindest seit ich mich zurückerinnern kann, war es ein friedliches Nebeneinander, aber vor allem auch Miteinander hier in unserer Stadt. 
Der Stadtteil, in dem ich lebe, war viele Jahre geprägt von den amerikanischen GIs, die hier neben uns wohnten, die bunten blinkenden Weihnachtsdekorationen, die fröhlichen Halloweenfeste, die Barbecueabende selbst im kalten Januar oder Februar, zu denen herzlich alle eingeladen wurden, die zufällig vorbei kamen, bleiben in Erinnerung. Später, als meine Kinder in die Grundschule gingen, waren es türkische, bosnische, serbische, kroatische, italienische, griechische, afghanische, dann auch noch syrische, polnische, russische Kinder, mit denen sie ihren Klassenraum teilten. Ich habe vor vielen Jahren ein Foto in unserem Garten gemacht, das leider mit einer alten Festplatte verschollen ist, sonst hätte ich es euch gezeigt: Darauf sitzen meine Kinder, damals noch im Kindergartenalter, zusammen mit vielen Freunden aus der Nachbarschaft im Garten in einem Erdbeerbeet und naschen Erdbeeren. Später haben wir auf diesem Foto acht (!!) verschiedene Nationen in friedlicher kindlicher Eintracht zusammen gezählt.
Und so war Hanau immer für uns. Wir feierten in Kindergarten und Schulen nicht nur Weihnachten und Ostern, sondern auch ganz selbstverständlich das Zuckerfest oder das Lichterfest. Und nie, wirklich niemals war dieses bunte Beisammensein ein Problem und ist es auch bis heute nicht. Wir gehen zum türkischen Friseur, lieben Pizza und Döner, können uns eine Frühstückspause ohne das süße persische Gebäck nicht mehr vorstellen, sind dankbar für den hilfsbereiten pakistanischen Krämer, der immer wieder unsere Armbanduhren in Gang bringt, Hanau ist so bunt, so vielfältig und es ist wunderbar, dass so viele von diesen Menschen hier geblieben sind, heimisch geworden sind und ihre Kinder oder sogar Kindeskinder bereits hier geboren wurden. 
Kinder, die jetzt als junge Menschen ihr Leben lassen mussten, weil Hassreden und Gewaltparolen einen Einzelnen so vergifteten, dass er zur Waffe griff.
Und an diesem Punkt weiß ich nicht weiter. Von hier an tut das, was geschehen ist, einfach nur noch weh. Weil ich es nicht begreifen kann, was Menschen zu diesem Hass, zu dieser Gewalt überhaupt treibt. 
Ja, inzwischen ist bekannt, dass der Täter unter Verfolgungswahn litt. Aber das alleine reicht nicht als Erklärung. Seine inzwischen veröffentlichten Pamphlete zeigen ein furchtbares Bild rechter Gesinnung und Vernichtungsfantasien, wie sie schlimmer kaum sein könnten. Und diese Gesinnung wurde tagtäglich gefüttert. Gefüttert von Menschen, die völlig unbehelligt Nazireden schwingen dürfen, gefüttert von Naziaufmärschen, seitenlangen rechten Kommentaren im Internet, die zum Teil so widerlich und abstoßend sind, dass ich noch nie verstanden habe, warum Betreiber wie Youtube oder Facebook diese Kommentare überhaupt zulassen. Aber wer glaubt, dass rechtes Gedankengut sich nur im Verborgenen, in den Tiefen des Internets, bei irgendwelchen Spinnern ausbreitet, der muss doch nur die Reden eines Herrn Höcke oder Gaulands oder einer Frau Weidel hören, um eines Besseren belehrt zu werden. 
Seit Tagen frage ich mich, was wir diesem Hass entgegenstellen können. Hier in Hanau stehen die Menschen seit der furchtbaren Nacht vom 19. Februar 2020 noch enger zusammen. Und vielleicht ist es genau das, was auch weiterhin zählt. Zusammenstehen. Einander helfen. Füreinander einstehen. Miteinander leben. Voneinander lernen. So, wie es mir meine Kinder und deren Freunde schon vor Jahren im Erdbeerbeet vorgemacht haben. 
In Hanaus Geschichtsbüchern steht, dass die Neustadt seinerzeit von vorneherein mit einer eigenen, modernen barocken Befestigungsanlage errichtet worden ist, die sich an die Befestigung der Altstadt anlehnte. Vielleicht können wir in Hanau dieses Symbol für uns verwenden und alle zusammen eine Befestigungsanlage gegen Rassismus und rechten Terror bilden.



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