Sonntag, 31. März 2019

Wie ich zur Fußgängerin wurde


Angefangen hat alles mit einem Autounfall. Selbstverschuldet, keine Vollkasko, Rippenbrüche und ein kaputtes Auto. Und absolut kein Geld für ein neues.
Im ersten Moment war da Panik. Kein Auto? Wie soll das gehen? Von meinen Kindern wohnen noch drei bei mir zu Hause. Ständig muss einer irgendwo hin oder irgendwo weg. Das Mama-Taxi fährt seit 28 Jahren regelmäßig und zuverlässig. Und meine Lesungen. Oft in den entlegensten Orten der Provinz. Wie soll ich da hin kommen? Nicht zu reden von meinen Wochenendeinkäufen für meine Großfamilie. Und ich bin alleine damit. Alleinerziehend. Alleineinkaufend. Alleinfahrend.
Es waren meine Jungs, die zuerst sagten: Wir schaffen das! Wir brauchen kein Auto. Das war letztes Jahr im Juli. Und seitdem sind wir kein bisschen weniger unterwegs als früher. Nur eben mit dem Bus, der Bahn, dem Fahrrad und zu Fuß.
Schuld am ersten längeren Fußweg an einem klaren Wintermorgen war der Bus, der einfach nicht kam. Ich musste dringend zu meinem Zweitjob im Buchladen und bin notgedrungen los gelaufen.
Zum Laden sind es etwa drei Kilometer - eigentlich gar keine große Entfernung, aber ich war vorher schlichtweg nie auf die Idee gekommen, diese Strecke zu Fuß zurückzulegen. Als ich im Buchladen ankam, war ich um zwei Erkenntnisse reicher.
1. Ich habe zu Fuß keine Minute länger gebraucht als der Bus, der unterwegs an gefühlt einhundertdrölfzig Stationen Halt macht.
2. Ich fühlte mich viel wacher und fitter als sonst um diese Uhrzeit.
Von diesem Tag an bin ich (fast) jeden Morgen zu Fuß zur Arbeit gelaufen. Und bekam ganz schnell noch eine Erkenntnis dazu: Es gibt unterwegs unglaublich viel zu sehen und zu entdecken, und das mitten in Hanau.
Mein schönstes Erlebnis bisher: Ein Eichhörnchen, das seine Jungen von einem Baum in einen anderen "umgezogen" hat.
Seit diesen Fußmärschen zum Job bin ich begeisterte Fußgängerin geworden. Ich habe mir sogar einen "Hackenporsche" zugelegt und statt einmal pro Woche gehe ich jetzt einfach öfter einkaufen. Und den Rest erledigt ein Biobauernhof aus unserer Gegend per Gemüsekistenabo. Das können wir uns nämlich leisten, seit wir kein Auto mehr fahren.
Zu meinen Lesungen fahre ich fast immer mit der Bahn. Und laufe dann vom Bahnhof zum Veranstaltungsort. Erst ein einziges Mal musste ich mir ein Auto leihen, alles andere ließ ich prima "öffentlich" und zu Fuß erledigen.
Inzwischen denke ich kaum noch darüber nach, ob ich eine Strecke wirklich laufen will. Ich laufe sie einfach. Und ja, ich tue dabei auch etwas für die Umwelt und meine Gesundheit. Die Bewegung und das Draußensein tun mir gut. Mein Körper verändert sich. Noch mehr hat sich mein Körperbewusstsein verändert. Ich nehme wieder wahr, dass ich aus mehr bestehe als nur aus Kopf, der von A nach B transportiert werden muss. Ich kann gehen, laufen, meine Hände können Dinge tragen, meine Arme sogar schleppen. Ich sehe, höre und rieche wieder, was draußen vor sich geht. Bei Autofahren hörte ich bestenfalls das Radio und den Verkehrsfunk. Selbst Sorgen und Ängste verlieren ihre Macht über mich, seit ich täglich zu Fuß unterwegs bin. Gedanken drehen sich nicht mehr im Kreis, sondern finden schnell eine Richtung und die Ideen für Geschichten liegen ja bekanntlich sowieso auf der Straße.
Wen ich jetzt noch nicht restlos überzeugt habe, der kann ja mal das aktuelle Buch von Björn Kern lesen "Im Freien - Abenteuer vor der Tür". So ist es. Genau so. Und das beste ist: Man braucht nichts, um Fußgänger zu werden. Okay - Schuhe vielleicht. Aber sonst wirklich nichts. Macht die Tür auf und lauft einfach los!

Sonntag, 17. März 2019

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Ehrlich gesagt, auch wenn mich die Frage seit einiger Zeit verfolgt, komme ich gar nicht dazu, sie zu beantworten. Und will das eigentlich auch gar nicht. Denn jede Antwort würde mich in eine der zahlreichen Schubladen packen, die immer irgendwo offen stehen und in die man von anderen so sehr gerne gesteckt wird.
Ich bin Schriftstellerin. Ja. Ich bin Buchhändlerin. Auch das, obwohl ich beide Berufe niemals im klassischen Sinne gelernt habe. Ich bin alleinerziehende Mutter von fünf Kindern, von denen drei noch bei mir zu Hause wohnen. Ich war einmal Rechtsanwältin, eine Schublade, die immer wieder besonders gerne von LehrerInnen und BibliothekarInnen aufgezogen wird, wenn es darum geht, mich vor einer Lesung vorzustellen , keine Ahnung, warum das so spannend sein soll. Ich bin also auch Vorleserin, ich bin Schreiblehrerin, ich bin Bücher inhalierende Leserin, ich bin begeisterte Köchin, Zu-Fuß-Geherin, ich wäre gerne Gärtnerin, was ich aber oft nur sehr spontan und temporär bin, manchmal bin ich noch Chorsängerin, oft Bahnreisende und noch öfter Reisende zwischen allen möglichen und unmöglichen Welten. Und viel zu selten bin ich Bloggerin. Aber manchmal eben auch das.
Anfang des Jahres habe ich meinen Blog umbenannt und bin mit vielen guten Vorsätzen ins neue Jahr gestartet. Dann habe ich meinen Blog fast aus Versehen wieder einschlafen lassen, dabei gäbe es so viel zu erzählen: vom Schreiben, vom Lesen, vom Buchladen, von meinen Schreibwerkstätten und auch einfach vom Garten oder neuen Kochrezepten. Nur - auch das Erzählen braucht Zeit und die ist bei mir oft knapp.

Aber ich habe es ja nie anders gewollt. Gestern habe ich beim Aufräumen ein kleines altes Notizbuch gefunden, in das ich als Jugendliche meine ersten Gedanken und Gedichte geschrieben habe. Und schon mit 16 wusste ich:

leben  
ich sehne mich danach
mit beiden armen
hineinzugreifen
ganz zu versinken
zu ertrinken
tragen will ich
was ich nur tragen 
kann
und mich dauert
jeder tropfen der
verloren geht

Oder, um es mit den Worten von Björn Kern zu sagen, dessen Buch "Im Freien - Abenteuer vor der Tür" mich heute durch den Sonntag begleitet hat:
Das Leben ist wie ein Eisbecher. Man kann ihn aufessen, dann ist er weg. Man kann ihn auch stehen lassen, dann ist er irgendwann auch weg.
Ich bin für aufessen. Und ich liebe jede Sorte. Mit Sahne.



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