Montag, 22. Juli 2019

E-Mail für dich (2)

Wir kennen (und lieben) uns seit Jahren. Wir ticken ähnlich und doch wieder nicht. Jede von uns weiß, was die andere gerade umtreibt und oft begleiten uns unsere wechselseitigen Morgenmails durch den nächsten Tag. Alice Gabathuler ist so viel mehr für mich als nur eine liebe Kollegin. Und es war ihre Idee, Euch einen Blick in unsere Mails werfen zu lassen .

Meine erste Mail findet Ihr HIER. Und Alices Antwort könnt Ihr HIER nachlesen. So ganz konnte ich mich ihrer Meinung nicht anschließen ...


Liebe Alice,

danke für Deine ausführliche Antwort. Du hast schon recht, leider hält das Leben oft ganz viele verschiedene Wände für uns bereit. Ich habe jetzt den ganzen Tag über die Wände in meinem Leben nachgedacht und nein, so wie Du mir das vorgeschlagen hast, kann ich das nicht angehen. Ein paar Leitersprossen hier, Schild hinhängen, ein paar Leitersprossen da, Schild hinhängen… aber ich weiß jetzt auch, warum das so für mich nicht funktioniert.
Diese Wände stehen ganz unterschiedlichen Zielen im Weg. Es geht nicht darum, dass ich nicht mehrere Dinge gleichzeitig anpacken will. Ich habe dir ja mal erzählt, dass ich vor einer gefühlten halben Ewigkeit sogar ziemlich erfolgreich Triathlon betrieben habe. Damals habe ich drei Sportarten trainiert, Training war täglich und trainiert wurden jeweils immer zwei Sportarten. Da ging das mit dem Abwechseln ganz wunderbar. Mal ein paar Kilometer laufen, mal etliche Bahnen schwimmen, mal Rad fahren, dann wieder laufen. Einige verdammt hohe Wände, aber das Ziel dahinter war immer das gleiche: der Wettkampf.
Jetzt ist es aber so, dass mein Ziel der berufliche Erfolg ist bzw. die nackte Tatsache, dass ich mich und meine Kinder von meinem Beruf ernähren können will.  Dass wir ganz nebenbei auch einen verwilderten Garten irgendwie auf Vordermann bringen müssen oder die Fenster dringend geputzt werden müssten,  das sind Baustellen bzw. Wände – um bei unserem Bild zu bleiben – die zwar im Weg stehen, aber über die ich nicht drüber muss, wenn ich mit dem Schreiben Geld verdienen will. Das sind Wände, um die ich auch getrost herumgehen kann, denn sie stehen an einem anderen Weg zu einem anderen Gipfel.
Trotzdem gebe ich Dir in einem anderen Punkt recht. Auch zu meinem Gipfel führen ja ganz viele Wege. Das sind die Bücher, die ich schreibe, die Lesungen, die ich mache, die Schreibwerkstätten, die ich veranstalte. Mal sind es Jugendromane, mal kürzere Erstleser und ganz oft ist es alles auf einmal, das bewältigt werden muss. Hier ist es ganz sicher so, dass ich nicht stur nur einem Weg folge und alles andere rechts und links liegenlasse. Hier mache ich es so wie du: mal die eine Leiter, dann wieder die andere ein Stück. Und manchmal ist der Weg zum Ziel verdammt lang und steil.
Dabei versuche ich das umzusetzen, was ich eigentlich im Radrennsport gelernt habe: Wenn der Berg sehr steil ist, niemals auf den Gipfel gucken und auf das lange Stück Asphalt, das noch vor dir liegt. Den Blick immer nur aufs Vorderrad und die nächsten 30 Zentimeter. Die müssen geschafft werden. Und dann wieder die nächsten 30 Zentimeter. Und ganz notfalls auch mal ein paar Serpentinen auf der Straße fahren, wenn der direkte Weg zu steil ist. Und wieder 30 Zentimeter. Und plötzlich ist man am Gipfel.


So hangele ich mich heute noch durch schwere oder langwierige Aufgaben. Zentimeter für Zentimeter, Seite für Seite, manchmal auch nur Satz für Satz.
Nur Absteigen sollte man nach Möglichkeit nicht, weil danach die Beine verdammt schwer werden.
Und ich glaube, das war mein Fehler in letzter Zeit. Ich bin zu oft abgestiegen. Und einige Male hat mich auch ein fieses Unwetter vom Rad gepustet. Und jedes Mal wird das Anfahren ein bisschen mühseliger. Aber so allmählich komme ich wieder in den Tritt.
Eigentlich wäre das ja eine prima Möglichkeit, die vielen kleinen Schritte und Zentimeter, die zurückgelegt werden müssen, in meinem Bullet Journal graphisch darzustellen. Ich glaube, ich brauche jetzt mal meine Stifte.

Ich drück dich. Ganz doll.
Jutta


Sonntag, 21. Juli 2019

E-Mail für dich

Wir kennen (und lieben) uns seit Jahren. Wir ticken ähnlich und doch wieder nicht. Jede von uns weiß, was die andere gerade umtreibt und oft begleiten uns unsere wechselseitigen Morgenmails durch den nächsten Tag. Alice Gabathuler ist so viel mehr für mich als nur eine liebe Kollegin. Und es war ihre Idee, Euch einen Blick in unsere Mails werfen zu lassen ...


Liebe Alice,
ich selbst bin mal wieder seit 5.00 wach, weil das Karussell in meinem Kopf mich nicht mehr schlafen lässt. Aber ich bin wild entschlossen, aus diesem Tief wieder rauszukommen. Aktuell beschäftige ich mich ein bisschen mit so Themen wie Zielsetzung, Ziele umsetzen etc., weil ich da oft sehr unkoordiniert bin. Ich habe immer tausend Ideen, nochmal so viele Pläne und komme trotzdem nicht recht vom Fleck. Mir wird auch allmählich klar, warum das so ist.
Neulich habe ich irgendwo ein schönes Bild gelesen oder gehört, da hieß es:
Wenn du damit kämpfst, eine lange Leiter hinaufzuklettern, um über eine Wand in deinem Leben zu kommen, dann überprüfe erst einmal, ob die Leiter an der richtigen Wand liegt. Das hat mir gefallen. Dieses Bild. Und da ist mir einiges klar geworden. Mein Leben besteht aktuell aus ganz vielen Wänden. Und statt dass ich erstmal eine Wand überwinde, schnappe ich meine Leiter und stelle sie permanent wieder an eine andere Wand an. Ich kletter ein Stückchen hoch, dann sehe ich “Oh, da muss ich ja auch noch rüber”, dann klettere ich zurück, nehme die Leiter und lehne sie woanders an. Mit diesem Bild konnte ich irrsinnig viel anfangen bei der Selbstreflexion.


Sprich, ich kämpfe mich aus meinem finanziellen Schlamassel, dann sehe ich von der Leiter herab meinen völlig zugewachsenen Garten, kletter runter, mache Gartenpläne, fange in irgendeiner Ecke an, gebe nach zwei Stunden völlig entkräftet auf, klettere wieder runter und lehne meine Leiter an die Wand Hausputz. Und so weiter. Und so weiter. So kann das nie was werden.
Und noch etwas habe ich gelernt. Dass ich mein Ziel viel konkreter benennen muss.
Wenn mich jemand gefragt hat, was mein Ziel ist, habe ich oft Dinge gesagt wie: Ich will Autorin sein. Oder: Ich will schreiben. Und da blieb ich dann stecken. Auch dafür habe ich schöne Vergleiche gefunden, das ist so in etwa, wie wenn ich sage: Ich will gesünder leben. 
Tja. Wer will das nicht. Dann kann ich mich wunderbar im Bett umdrehen und weiter schlafen und mir am nächsten Tag wieder sagen: Ich will gesünder leben. Spätestens am dritten Tag sag ich dann: eigentlich will ich aber .. und irgendwann gebe ich dann frustriert auf. Weil das Ziel viel zu wenig konkret ist. Würde ich sagen, ab heute laufe ich jeden Tag 10.000 Schritte, oder, ab heute esse ich nur noch Zuckerfrei oder fünfmal am Tag Gemüse, dann wären das konkrete Ziele.
Oder wenn ich sage, ich will einen Achttausender besteigen, werde ich nie auf einem ankommen. Ich muss mir den schon konkret aussuchen, mich informieren, trainieren, einen Plan machen, mir Personal zusammenstellen, und irgendwann auch losgehen.
Eigentlich sollte das alles völlig selbstverständlich sein oder? Mir ist das erst in den letzten Tagen so richtig klar geworden und ich stehe noch ganz am Anfang. 
Jedenfalls weiß ich jetzt, dass ein “ich will Autorin sein” oder “ich will schreiben” viel zu schwammig ist. Schreiben kann ich auch in der Badewanne und die Texte danach im Klo runterspülen. Das ist es ja nicht, das ich will.
Ich habe es jetzt für mich so formuliert: Ich will – verdammt nochmal – von meiner Arbeit als Autorin gut leben können.
Ist das konkret genug? Was meinst du? Ich überlege noch, ob ich das für mich noch mehr konkretisieren sollte. Z.B. ich will als Autorin jeden Monat .... xy Euro verdienen. Das wäre ein sehr konkretes Ziel und vermutlich noch sinnvoller.
Und jetzt muss ich mich hinsetzen und mir überlegen, was ich für die Besteigung dieses Achttausenders alles brauche. Und was ich auch oft vergesse – irgendwann muss ich einfach auch mal losgehen. Sonst wird das nie was, wenn ich immer nur unten stehe und hochgucke.

Soweit meine aktuellen  Überlegungen. 
Und dazu die Erkenntnis: Wenn ich diesen Berg bezwinge, habe ich genug Zeit und vor allem Geld, mich um alles andere  zu kümmern. Dann kann ich mir nämlich auch Hilfe leisten oder Urlaub oder bessere Geräte (siehe Garten, den ich aktuell in meinen manischen Ich-muss-jetzt-den-Garten-Retten-Anfällen mit einer winzigen rostigen Gartenschere bearbeite)

Trag Dir Sorge. 
Deine Jutta



Montag, 15. Juli 2019

Morgenseiten oder #morningpages

Was ist das eigentlich immer mit diesen #morningpages, die ich fast täglich bei Instagram erwähne und die auch bei anderen regelmäßig auftauchen. Pinkfisch hat es in einem Blogbeitrag vor kurzem wunderbar erklärt, woraufhin mir eingefallen ist, dass ich bereits 2015 auch einmal etwas dazu geschrieben hatte. Da mein alter Blog inzwischen kaum noch sichtbar ist und im Netz vor sich hindümpelt, habe ich meinen damaligen Blogpost nochmal gesucht und hierher geholt. Und ja, ich schreibe die Morgenseiten immer noch. Mehr denn je. Und rate jedem dazu, der das Gefühl hat festzustecken, nicht weiter zu wissen oder einfach mit einem freien Kopf in den Tag starten will. Aber hier jetzt erst einmal mein Blogeintrag vom 2. September 2015:
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 Alle Welt scheint sie zu kennen - für mich waren sie neu: Die Morgenseiten.

Gestolpert bin ich über diesen Begriff erstmals vor einigen Wochen, als ich mir zur Ferienlektüre das Buch "Die Honigfrau" von Agnes Flügel kaufte. Agnes Flügel hat den Sprung von der Großstadt Hamburg in die Pampa irgendwo an der Ostsee gewagt und hat ihre eigene Honigmanufaktur gegründet. Oder - um es einfacher auszudrücken - sie ist zur (Berufs)Imkerin geworden. Ihren spannenden Werdegang beschreibt sie in o.g. Buch.
Und zu diesem Weg gehörte eben auch das Schreiben von diesen Morgenseiten. 
Da Agnes Flügel ihre Anleitung aus einem Ratgeber für Künstler entnommen hat, wurde ich neugierig und habe mich auf die Suche nach mehr gemacht. Und so einiges zu diesem Thema im Netz gefunden. 

Was meint Frau Flügel damit, wenn sie von "Morgenseiten" spricht?
Einfach ausgedrückt: Bei Morgenseiten handelt es sich um eine Kreativitätstechnik, die dabei helfen soll, Ideen zu sammeln. Erfunden und bekannt gemacht hat diese Technik Julia Cameron in ihrem Buch "Der Weg des Künstlers".

(c) Julia Cameron


Die Technik ist einfach: Man schreibt handschriftlich (!) drei Seiten hintereinander weg, ohne den Stift dabei abzusetzen.

Mit anderen Worten: Man lässt seine Gedanken fließen, man schreibt sich leer. Und schafft dadurch Platz für neue Gedanken, neue Ideen. Es ist ein bisschen so wie ein Hausputz. Die Denkschubladen werden leergeräumt rsp. geschrieben, damit wieder Platz für neues ist. Ganz nebenbei findet man neue Lösungswege, neue Denkansätze, verschafft sich Klarheit in den Undurchsichtigkeiten, die man durch die Nacht geschleppt hat, räumt auf im Unterbewusstsein dadurch, dass man den ganzen Kram mal nach draußen kehrt. 

Die Regel für Morgenseiten ist einfach:

  • Man schreibt ausschließlich handschriftlich, das ist wichtig, weil so die Gedanken direkt aufs Papier fließen.
  • Man setzt den Stift an, schreibt drauf los, egal was, und man hört erst wieder auf, wenn man drei DIN A 4 Seiten gefüllt hat.
  • Man schreibt die Morgenseiten - der Name sagt es schon - sofort nach dem Wachwerden. Am besten noch vor dem ersten Kaffee!
  • Das Geschriebene packt man weg. Es ist nicht zum Lesen bestimmt. Auch selbst soll man nicht hinterher lesen, was man geschrieben hat. Das verschafft einem die Freiheit wirklich ALLES aufschreiben zu können, jeden Gedanken, alles, was nach draußen drängt. Der Wert der Morgenseiten liegt eben genau darin, dass die Schere im Kopf einmal zur Seite gelegt wird.

Ich habe es ausprobiert in den letzten Wochen. Und ich bin begeistert.

Eine ähnliche Methode ist es, nach der Uhr zu schreiben. Also sich hinzusetzen und z.B. 20 Minuten einfach drauflos zu schreiben, alles aufzuschreiben, was einem in den Sinn kommt. 
Mir persönlich gefällt die Vorgabe der drei DIN A 4 Seiten besser. Die Uhr habe ich schon zu oft im Blick bei meinem Tagesablauf. 

Seit ich die Morgenseiten schreibe, spüre ich, wie meine Kreativität zurück kommt. Ich fühle mich schon zu Tagesbeginn wieder freier von kopflastigem Ballast, den ich sonst durch den Tag mit mir herumschleppe. Und glaubt mir, meine Tage sorgen auch so schon für genügend neuen Ballast. Es tut mir also gut, jeden Morgen erst einmal ein bisschen Platz zu schaffen.
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In diesem Sinne: Probiert es einfach mal aus!



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